mysg.ch - Das Social-Media-Desaster der Stadt St.Gallen

Letzte Woche ist die Stadt St.Gallen mit mysg.ch gestartet. Mit mysg.ch möchte St.Gallen der Bevölkerung eine Plattform bieten, um "Informationen und Meinungen auszutauschen sowie Bilder und Videos zu veröffentlichen".

Um es gleich vorweg zu sagen: Das ist gründlich daneben gegangen.
mysg.ch ist in jeglicher Beziehung ein Desaster. Es bietet geringen bis keinen Mehrwert, es ist massiv benutzerunfreundlich und brutal hässlich.

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Fangen wir bei der Optik an. Zentrales Element ist eine Google-Map mit unzähligen Pins, die irgendwelche Orte anzeigen. Warum gerade diese Orte (50% davon sind Kirchen) angezeigt werden, erschliesst sich mir auch nach mehrfachem überlegen nicht.

mysg.ch präsentiert sich in einem grauen Hintergrund. Gut, kann man machen. Wie man dann aber auf die Idee kommt, darauf auch noch hellgraue Boxen zu montieren, wissen wohl nur die Macher dieser Seite. Zusätzlich gibt es dann auch noch dunkelgraue und schwarze Boxen, was den traurigen Ersteindruck dieser Seite noch verstärkt.

Im Kontrast dazu steht knalliges Rot. Die “Was ist heute los Box” ist rot, warum gerade diese und die anderen nicht, ist ein Rätsel. Dazu sind Überschriften und Nutzernamen in Rot gehalten, was meine Augen zu einem spontanen Weinkrampf reizte.

Die Seite wirkt dadurch unglaublich unruhig und unaufgeräumt, womit wir zur Benutzerführung kommen: Ich verstehe die Seite nicht. Die Seite will ja ausdrücklich Nutzer zum Teilnehmen, Austauschen oder neudeutsch “Sharen” von Bilder, Videos oder Storys ermuntern und helfen, am Stadtleben St.Gallens teilzunehmen. Wenn man sich mysg.ch aber mal anschaut, wird man genau diese partizipativen Elemente nicht finden. Wo kann ich hier etwas hochladen, mein Video, meine Fotos, meine News? Wenn eine Seite so sehr auf Austausch setzt, muss sofort, beim ersten Öffnen der Website klar werden, wo, wie und was ich hier sharen kann.

Das wichtigste ist aber letztlich der Inhalt. Und hier liegt das gravierendste Manko von mysg.ch. Die Seite scheint voll auf User Generated Content zu setzen. Was bei der Wikipedia grandios funktioniert hat, funktioniert bei fast keiner anderen Seite. Das Publikum der aktiven Creators  ist schlicht zu klein, um wirklich relevanten Mehrwert zu kreieren. Das einzige, was momentan auf der Seite zu sehen ist, sind Partyfotos und Messefotos. Für das breite Publikum ist es aber maximal uninteressant, ob irgendein Urs mit irgendeiner Heidi am Wochenende auf der Olma waren.

Und wer auf die vollkommen absurde Idee kam, ein Forum einzurichten, sollte direkt nach 1998 geschickt werden und die letzen 12 Jahre der Online-Communitys zur Strafe nochmal durchleben.

Was mich vor allem ärgert: Die Stadt St. Gallen macht es sich einfach zu leicht, wenn sie fast ausschliesslich auf User Generated Content setzt. Eine Stadtverwaltung hat so viel zu berichten: Veranstaltungen, Wahlen, Bauarbeiten, selbst Strassensperren sind für mich interessant.

Die To-Dos für eine Stadt liegen eigentlich auf der Hand:

  • Blog, Twitter, Facebook, Flickr und YouTube einrichten
  • Ein bis zwei Mitarbeiter aus der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt in den Tools schulen
  • Informationen veröffentlichen, die für Bürger wirklich hilfreich und interessant sind

Beispiele hierfür gibt es schon einige. Vorbildlich ist zum Beispiel die Stadt Osnabrück, die ihre Bürger unter anderem mit eigener Facebook- und Twitter-Präsenz informiert.

Die Stadt St. Gallen hat sich und ihren Bürgern mit dieser Plattform wirklich keinen Gefallen getan. Anstatt eine eigene Lösung für viel Geld basteln zu lassen, hätte man lieber auf bestehende Kanäle gesetzt und das Geld in gute Inhalte investiert.

UPDATE: Ein Highlight der Site sind natürlich auch die "Regelungen für die Nutzung der städtischen Community-Plattform" mit dem unübertroffen schönen Hinweis an alle Nutzer: "Was Sie zu tun haben".